Sonntag, 20 Mai 2012
 
 
Elias, 2003

 

... Da wollen wir sehen, ob Gott der Herr ist ...

elias

 Oratorium für Soli, Chor und Orchester
von Felix Mendelssohn-Bartholdy

Vokalensemble Völkermarkt
Lehrerchor Villach
Kammerchor Norbert Artner

Nordböhmische Philharmonie

Musikalische Gesamtleitung:
Mag. Herwig Wiener-Püschel

Es war der große Erfolg des Oratoriums Paulus, der Mendelssohn ermutigte, an die Schaffung eines neuen Oratoriums heranzugehen. So wendet sich Felix Mendelssohn Bartholdy im Februar 1837 an seinen Freund Klingemann mit der Bitte: "Am liebsten wäre mir es, Du nähmest den Elias, teiltest die Geschichte in zwei oder drei Teile und schriebst es hin mit Chören und Arien, die du entweder selbst dichtest in Prosa oder Versen oder aus den Psalmen und Propheten zusammenstelltest, aber mit recht dicken, starken, vollen Chören ..., ich glaube, Elias und die Himmelfahrt am Ende wäre das Schönste." Klingemann sagt zunächst begeistert zu, bricht jedoch, nachdem er sein politisches Amt als Legationsrat in London verliert und in persönliche Schwierigkeiten gerät, die Weiterarbeit ab. Die persönliche Faszination am Elias-Stoff ist für Mendelssohn ausschlaggebend dafür, dass er die Entwürfe Klingemanns seinem langjährigen Freund und Pastor Karl Schubring zukommen lässt, wohl ahnend, dass es nicht leicht sein wird, seine Vorstellungen eines neuen Oratoriums mit jenen des sehr selbstbewusst agierenden evangelischen Theologen Schubring in ein gemeinsames Konzept zu bringen. Es ist Schubring in seiner Rolle als evangelischer Pastor nicht zu verargen, dass er mit dem Konzept des Oratoriums seinen gottesdienstlichen Hintergrund im Sinne Bachs und eine Form der Predigt und der christlichen Unterweisung verbinden will. Mendelssohn konnte jedoch mit dieser verengten Sicht des Glaubens nur bedingt mitgehen, und wenn in Betracht gezogen wird, dass Lessing im Haus Mendelssohns ein und aus ging, und zur selben Zeit seinen "Nathan der Weise" schuf, in dem die Frage nach der gegenseitigen Toleranz der monotheistischen Religionen aufgeworfen wird, ist dies nur allzu verständlich. So blieb dann das Elias-Projekt 8 Jahre lang liegen, bis Felix Mendelssohn Bartholdy die Einladung zum Birmingham-Music-Festival im Jahre 1846 annimmt und beschließt, dort einen Elias zur Uraufführung zu bringen.

Die weitere Zusammenarbeit zwischen Schubring und dem Komponisten ist von vielen Auseinandersetzungen geprägt: Der Komponist lässt sich von seinem Konzept eines "Symbolischen Oratoriums", das ohne personifizierten Erzähler auskommt, eine Ouvertüre enthält, und die Choräle in einer ganz neuen Weise einsetzt, nicht abbringen. So setzt das Oratorium die Kenntnis der biblischen Elias-Überlieferung im ersten Buch der Könige voraus. Für die Felix Mendelssohn Bartholdy, dessen Großvater ein berühmter jüdischer Philosoph war und große Teile der hebräischen heiligen Schriften ins Deutsche übersetzte, beschreibt der Name Elias, d.h. aus dem Hebräischen übersetzt "Mein Gott ist Jahwe", das inhaltliche Programm des Oratoriums. Der Komponist konnte damals davon ausgehen, dass den Zuhörern die Elias-Überlieferung bekann war und er darauf aufbauend seine Deutung des Stoffes schuf.

Entgegen der Sichtweise Schubrings wollte Mendelssohn den Propheten Elias keinesfalls verchristlichen, obwohl er die Parallelen zur Passion Christi deutlich herausarbeitet, sondern er zeigt Elias als Verfechter des monotheistischen Glaubens, dessen fundamentalische Züge bis heute Anlass zur Kritik bieten.

Das Oratorium ist in zwei große Abschnitte gegliedert. Der erste Teil schildert das Wirken des Propheten, insbesondere werden die Wunder, die Elias durch seinen unerschütterlichen Glauben wirkt, zu Gehör gebracht. Die musikalische Umsetzung der Begebenheit der Erweckung eines totkranken Knaben einer Witwe lässt wohl keinen Hörer kalt. Im Mittelpunkt des ersten Teils steht jedoch das Vollbringen eines Brandopfers durch die Anrufung des einen Gottes Jahwe und die Verspottung der vielen Baalsgötter. Am Ende werden die Anhänger der Baalsgötter von den Jahwe-treuen Israelitten umgebracht.

Auf Grund dieses Wunders zieht Elias den Zorn der Königin, die an die Baals-Götter glaubt, auf sich und muss in die Wüste fliehen, was den zweiten Teil des Oratoriums einleitet. Dieser stellt die persönliche Situation des Propheten

in den Mittelpunkt, der mit Verurteilung und dem drohenden Matyrium konfrontiert ist. Als Höhepunkt wird geschildert, dass der Gott Jahwe gerade wegen dem drohenden Martyrium auf der Seite des Propheten steht. Gott erscheint ihm, aber entgegen aller Erwartungen von einem gewaltigen Gott begegnet ihm Jahwe in einem sanften Säuseln. Das weitere, sehr kurz geschilderte Wirken des Propheten gipfelt dann in der, auch musikalisch sehr bildreich geschilderten, Himmelfahrt des Elias, die ihm nach der biblischen Überlieferung als erstem und einzigem alttestamentlichen Propheten zuteil wird.

Das Werk endet mit einem großen Schlusschoral "Herr unser Herrscher, wie herrlich ist dein Name", der in einem siebenfachen Amen, das die Vollendung in Gott ausdrücken möchte, mündet.

Von der Komposition her begegnern uns in Mendelssohns Opus 70 viele Besonderheiten, die sich in kein Schema pressen lassen. Allene schon die Tatsache, dass sich in diesem Oratorium nach einem kurzen Rezitativ eine Ouvertüre findet, lässt aufhorchen. Darüberhinaus kommt das Werk ohne Erzähler aus. Die Chöre sind nicht einer starken Struktur unterworfen, sondern wachsen aus dem musikalischen und inhaltlichen Geschehen heraus. Am Ende des ersten Chores findet sich sogar ein Chor-Rezitativ! Ein von den großen Passionen Bachs geprägter Hörer wird die Choräle im Elias einerseits vermissen, andererseits den sehr bewussten Einsatz der drei im Werk vorkommenden Choräle an den zentralsten Stellen des Werdes sehr schätzen.

Am 26. August 1846 erklang in Birmingham die Uraufführung mit 396 mitwirkenden Musikern unter der Leitung des Komponisten und wurde ein voller Erfolg. Das Werk ging sehr bald in die Welt, und so wurde Mendelssohn eingeladen, im November 1847 seinen Elias in Wien zu Gehör zu bringen. Die Aufführung wurde am 8. 11. 1847 mit über 1000 Mitwirkenden könnte gleichsam als Mendelssohns Requiem aufgefasst werden, denn an jenem Tag ereilte den Komponisten der Tod.